Wo Fuchs und Hase sich „Gute Nacht“ sagen

Ein Rückblick auf ein Jahr Erfahrung in der Mädchenwohngruppe Malala der Inselhaus Kinder- und Jugendhilfe

Der Artikel beschreibt ein Jahr der Arbeit in einer Mädchenwohngruppe für unbegleitete Minderjährige im Bayerischen Oberland (www.inselhaus.org). Er geht auf die Besonderheiten einer reinen Mädchengruppe ein. Zur Verdeutlichung sind Beispiele aus dem pädagogischen Alltag eingefügt. Es wird deutlich, dass diese Arbeit eine große pädagogische Herausforderung darstellt.

Ich folge im Auto meiner zukünftigen Kollegin, die mir die neue Wohngruppe zeigen möchte. Wir fahren von dem kleinen beschaulichen Ort Wolfratshausen die Loisach aufwärts ins Hinterland, 10 Minuten später biegen wir ab – in einen kleinen Pfad in Richtung Wald. Der Parkplatz ist Endstation. Hier geht nichts mehr weiter. Nur ein Radweg für Freizeitbegeisterte und Naturverbundene geht am großzügigen Grundstück vorbei.

Für mich ein romantisches Fleckchen Erde. Meckernd und aufmerksam beobachtend begrüßen mich Ziegen. Auf dem steilen Weg nach oben höre ich das Wiehern der Pferde, die Teil der Tierge-stützten Pädagogik sind – eine der tragenden konzeptionellen Bausteine der Inselhaus Kinder- und Jugendhilfe gGmbH.

Der konzeptionelle Ansatz
Basierend auf einer humanistischen Grundhaltung pflegt die Inselhaus Kinder- und Jugendhilfe einen wertschätzenden und achtsamen Erziehungsstil, der Tiefenpädagogik genannt wird. Theoretische Grundsteinlegung sind die Schriften von Petzold H. G., Buber M., Bollnow O. F., et al. – ein immer noch hoher Anspruch. Mehr zur Arbeit der Inselhaus Kinder- und Jugendhilfe unter http://www.inselhaus.org

Hier also, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, soll die neue Mädchen-Wohngruppe entstehen. Sie bietet Platz für insgesamt acht Bewohnerinnen – je vier Plätze in Teil- und Vollbetreuung. Die Wohngruppe soll „Malala“ heißen [1]. Wir schreiben den Februar 2015. Mitte März werden die ersten Mädchen erwartet. Und da kamen sie auch: drei eritreische und ein äthiopisches Mädchen, alle 16, bzw. 17 Jahre alt und zu diesem Zeitpunkt etwa seit vier Monaten in Deutschland. Obwohl Bayern sich in dieser Zeit vor Flüchtlingen nicht retten kann und kaum weiß, wohin mit ihnen, haben wir es bis heute schwer, die Wohngruppe zu füllen. Die Gründe: Zum einen gibt es weitaus weniger Mädchen als Jungen, die alleine flüchten. Zum anderen wollen die meisten Mädchen, die sich die Wohngruppe ansehen, dann doch nicht einziehen, weil der Ort ihnen zu abgelegen ist. Es zieht sie alle in die Städte und sie haben die Möglichkeit zwischen zwei Angeboten auszuwählen.

Das Spezifische einer Mädchen-Wohngruppe
Geflüchtete Mädchen sind nicht „nur“ körperlicher, sondern auch sexueller Gewalt ausgesetzt. Und zwar schon vor ihrer Flucht. Aus Eritrea ist beispielsweise bekannt, dass auch junge Frauen zum Militärdienst eingezogen werden und dort „in den Militärlagern massenweise vergewaltigt werden“ [2]. Ebenso sind sie auf ihrem Weg ohne Eltern Freiwild und machen oft traumatisierende Erfahrungen. Leider haben sie vor ihrer Flucht oft wenig Schulbildung genossen und kaum Fremdsprachenkenntnisse erwerben können. Selbst in ihrer Muttersprache pflegen sie oft genug keinen elaborierten Sprachcode.

Sie kommen aus einer Schamkultur. Die in unserer Wohngruppe lebenden Mädchen sind außerdem streng orthodox-christlich. Intimer Kontakt zu Jungen, sich nackt zeigen, würde für sie einen Tabubruch darstellen. Schickt ihnen über facebook jemand obszöne Bilder, dann bekreuzigen sie sich und beten.

Gleichzeitig sind der Integrationsbedarf und der Bedarf an sozialer und emotionaler Nachreifung enorm. Wir erleben die Mädchen oft als anlehnungsbedürftig. Sie kuscheln sich vor dem Fernseher an die Schulter der Betreuerinnen und nehmen beruhigende Handmassagen vor dem Schlafenge-hen gerne an. Gleichzeitig macht sie dieser emotionale Hunger verletzbar, verführbar. Bei Mädchen kann diese leichte Verführbarkeit auch mal in einer Schwangerschaft münden, die diese Jugendlichen dann in enorme Gewissenskonflikte bringt. Nicht nur wegen dieser Ambivalenz zwischen großer Schamhaftigkeit und großer Verführbarkeit haben diese Mädchen einen erhöhten Schutz- und Förderbedarf. Ein Besuch bei der Frauenärztin und die übliche Sexualaufklärung in wenigen Sätzen reichen dafür bei weitem nicht aus.

Ein Beispiel aus unserem pädagogischen Alltag: Eines unserer Mädchen berichtete empört von ihrem Sportunterricht. Sie werde dort nicht mehr mitmachen, weil sie dort Spiele mitmachen müsse, die ihr unangenehm sind. Sie ist alleine in einer Flüchtlingsklasse mit 19 jungen Männern mit unter-schiedlichem religiösem Hintergrund. Diese würden mit gegrätschten Beinen im Kreis sitzen und wenn die Sportlehrerin pfeift, dann muss sie sich schnell zwischen die Beine eines der Jungen setzen. Man braucht nicht viel genderpädagogischer Kompetenz zu besitzen, um zu verstehen, dass hier Handlungsbedarf angezeigt war. Eine Lösung unterdessen gestaltet sich schwierig. Zum einen gibt es keine Flüchtlingsklassen, die mehr als ein Mädchen haben, zum anderen besteht im Rahmen der Schulpflicht auch die Verpflichtung zur Teilnahme am Sportunterricht. Gespräche mit der Schulleitung blieben ohne Erfolg – wir werden den Sachverhalt der Regierung von Oberbayern vortragen. Eine zeitnahe Lösung wird es somit nicht geben.

Das Thema Angst ist ständig virulent, auch wenn die Mädchen dies nicht immer so ausdrücken können: Sie gehen nicht gerne in der Finsternis raus. Sie schlafen gerne mit Licht, denn Dunkelheit macht ihnen oft Angst. Sie ziehen sich auch in der Nacht keinen Schlafanzug an, sondern schlafen in „voller Montur“, da das auf der langen Flucht zu gefährlich gewesen wäre und sich umzuziehen zu lange gedauert hätte. Man musste immer alles Nötige am Körper tragen und sofort bereit zum Weiterziehen sein. Ihr Schlafrhythmus ist durcheinander, weil sie in den Nächten gegangen sind, um nicht gesehen zu werden. Die Tage waren da, um den fehlenden Schlaf nachzuholen.

Daher sind klare Regeln, eine Rhythmisierung und Strukturierung des Alltags sehr wichtig für sie, auch, weil diese Strukturen ihnen letztlich Halt und Orientierung bieten. Ich erlebe diese Mädchen als sehr stolz und würdevoll. Gleichzeitig sind sie sehr verletzbar und ihr Selbstwert ist oft gering. Sie fühlen sich schnell ungerecht behandelt, sind misstrauisch. Das erklärt sich aus ihrer über 30 Jahre währenden Kriegskultur, in der Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind.

Mädchenarbeit heißt hier, um Jahrzehnte der emanzipatorischen Errungenschaften und Erfolge zurückkatapultiert zu werden. Das hierarchisch geprägte Rollenverständnis ist sehr stark internalisiert. Wir leben ihnen ein Frauenbild vor, das sie noch nicht einordnen können. Wir bewegen uns frei, haben einen Führerschein, bohren auch mal ein Loch in die Wand, wechseln Glühbirnen aus, verhandeln mit Behörden, sind gut ausgebildet.

Dennoch sind die bei uns wohnenden jungen Frauen keine „braven Mädchen“ – eines ist oft unangenehm laut, schreit und benimmt sich in unseren Augen unhöflich. Sie alle essen am liebsten mit den Händen, benutzen für die Intimhygiene eine Dose mit Wasser, die immer neben der Toilette steht. Mitunter schlagen sie sich, reißen sich an den üppigen Haaren, beschimpfen sich auf übelste Weise um sich kurz darauf wie kleine Kinder zu benehmen, zu weinen und schreiend am Boden zusammenzubrechen. Früher hätte man das Hysterie genannt – eine Besonderheit der weiblichen Psyche, die bei uns aus dem Katalog der psychischen Störungen gestrichen wurde, in den Herkunftsländern der Mädchen aber oftmals noch eine gängige, gesellschaftlich akzeptierte und kulturell eingebettete Verhaltensweise darstellt. Es fällt manchmal schwer, diesen Äußerungen, die eine gewisse Theatralik haben, den richtigen Stellenwert zu geben. Dazu bedürfte es eines ethnomedizinischen Blicks, mit dem wir nicht ausgestattet sind.

Weil das alles noch nicht reicht, kommt dazu natürlich noch die Pubertät mit allen hormonellen Kapriolen und innerem Chaos. Auffallend häufig bleiben sie wegen Menstruationsbeschwerden im Bett und sind daher schon allein deshalb jeden Monat mindestens einmal krank. Auch darüber holen sie sich die Zuwendung und Rückzugsmöglichkeit, die sie im Getriebe des Alltags kaum haben.

Manchmal wissen wir als Betreuerinnen nicht, ob eine Verhaltensweise auf Sozialisation, Kultur, Traumatisierung, Pubertät oder Charakter oder einfach nur auf Missverständnisse aufgrund von Sprachproblemen oder aufgrund noch mangelnder Kenntnis unserer Kultur und Werte zurückzuführen ist. Die Wertediskrepanz ist groß.

Ausblick
Wir schreiben den März 2016. Draußen schneit es und eine weiße Decke legt sich über alles – ruhig, sanft, wie zum Schlafe einladend. Wir haben immer noch unsere vier Mädchen. Dass sie so wenige sind, wird Ihnen nun zum Verhängnis. Wir werden bald die Wohngruppe auch für Jungen öffnen müssen, um fortbestehen zu können. Wie der mädchenspezifische Ansatz dann umgesetzt werden kann, muss wieder ganz neu verhandelt werden. Die Sanftheit und die Ruhe der Schneedecke trügen. Erneut ist Flexibilität gefordert. Diese Arbeit bleibt spannend – langweilig wird uns so schnell nicht werden.

 


[1]  Malala Yousafzai hat im Dezember 2014 den Friedensnobelpreis erhalten. Sie ist ein Mädchen, das Gewalt ausgesetzt war und sich für die Rechte und für Bildung von Mädchen einsetzt. Auch sie musste aus ihrer Heimat fliehen. Gründe genug, sie zur Namenspatronin unserer Mädchenwohngruppe zu machen.

[2] Ladurner, Ulrich: Wer geht als Nächster? In keiner afrikanischen Nation fliehen so viele Bürger wie aus Eritrea. Woran liegt das? Erkundungen in einem verschlossenen Land. In: DIE ZEIT Nr. 2, 07. Januar 2016, Politik S. 6f.


Literatur
Inselhaus Kinder und Jugendhilfe gGmbH (2014): Konzept. Heilpädagogische Wohngruppe voll- und teilbetreut für weibliche unbegleitete Minderjährige. Wolfratshausen
Evangelisches Missionswerk in Deutschland e.V. (Hrsg.) (2015): Eritrea. Von der Befreiung zur Unterdrückung. Hamburg


Autor:
Dr. phil. Sonja Weißbacher, pädagogische Fachkraft der Inselhaus Kinder- und Jugendhilfe, Wolfratshausen, freiberufliche Dozentin an der Sebastian-Kneipp-Akademie, Bad Wörishofen und Gesundheitscoach. Als Sozial- und Gesundheitspädagogin beschäftigt sie sich mit Genderpädagogik, Gewaltprävention, Gesundheitswissenschaften, Stress- und Burnout-Prophylaxe. Kontakt: info@weissbacher.de